Von Margrit Stamm auf Samstag, 04. Mai 2013
Kategorie: Blog

Die neue Ökonomie des Schulerfolgs

Die PISA-Studien, die seit dem Jahr 2000 in dreijährigem Turnus durchgeführt werden, haben dazu geführt, dass die Bildungspolitik einen Grossteil ihrer Energie für Schulen und ihre Schulleistungen verwendet. Die Schulen sollen nicht nur besser werden, sie sollen auch sicherstellen, dass alle Schüler bestimmte Niveaus erreichen. Deshalb werden bereits heute in vielen Kantonen Vergleichsprüfungen eingesetzt, im Kanton Aargau beispielsweise der «Check 5», ein freiwilliger Leistungstest für die 5. Klassen. Auch HarmoS sieht Bildungsstandards inklusive deren Überprüfung in den Fachbereichen Schulsprache, Fremdsprachen, Mathematik und Naturwissenschaften am Ende des 4., 8. und 11. Schuljahres* vor.

Leider ist es bisher nicht gelungen – auch in Staaten nicht, die schon lange solche Reformen eingeführt haben – auf diese Weise die Leistungsunterschiede zwischen sozialen Gruppen zu verkleinern. Selbstverständlich möchte ich damit nicht behaupten, dass Schülerleistungen auf der Basis von Leistungstests nicht verbessert werden können, sondern lediglich, dass es auf diese Weise nicht gelingt, den Einfluss der sozialen Herkunft auf die Schülerleistungen zu vermindern.

Den Grund hierfür sehe ich darin, dass die Bildungspolitik viel zu wenig beachtet, was ausserschulisch passiert. Meine These ist eine doppelte: Erstens wird ein grosser Anteil der Lern- und Förderarbeit zunehmend ausserschulisch geleistet. Zweitens kosten solche Unterstützungsanstrengungen viel Geld, Zeit und Energie, weshalb sie nur von einem bestimmten Teil der Bevölkerung geleistet werden können. Deshalb bleiben sie den Familien vorbehalten, welche über die notwendigen materiellen Grundlagen verfügen. Mittel- und Oberschichtkinder profitieren deshalb ganz besonders. Dieser Sachverhalt ist aus der Forschung längst bekannt: So macht der Anteil der Schulen an den Leistungsunterschieden zwischen Schülern – nach Kontrolle ihrer sozialen Herkunft – nur 5% bis 18% aus. Die finanziellen Verhältnisse der Familie erklären jedoch, so die neuen Studien von Stephen Ball**, mehr als 30%.

Es gibt somit eine neue Ökonomie des Schulerfolgs. Kinder aus gut situierten Familien bekommen früh schon und während ihrer ganzen Schulzeit viel Lernunterstützung, weil ihre Eltern für sie geeignete Bildungsleistungen ausserschulisch einkaufen. Der Markt, der hierzu zur Verfügung steht, ist ein expandierendes System an Angeboten, Dienstleistungen und Kursen geworden. Zweisprachige Vorschulen, Super-Kitas, Lernspielzeuge, Software, Nachhilfe, Förder- und Ferienkurse, private Tutoren, Lernstudios und spezialisierte Lerntherapeuten sowie Personal Trainers sind Teil einer fortlaufenden Kommerzialisierung geworden. Für interessierte Eltern ist es ein leichtes, ein geeignetes Angebot zu finden, wenn die nötigen Finanzen vorhanden sind: Bildungserfolg ist käuflich geworden. Nachhilfestunden bilden dabei nur ein Steinchen in einem grossen Mosaik.

Unsere Bildungspolitik hat einen bemerkenswerten Anteil daran, weshalb dem so ist. Zum einen versucht sie seit Jahren, die Verantwortlichkeiten der Schule wieder verstärkt ans Elternhaus zu binden. Zum anderen wird landauf landab immer wieder betont, wie wichtig Bildung sei, dass immer mehr Berufe höhere Ansprüche im schulischen Bereich stellen und ein hoher Bildungsabschluss deshalb eine zentrale Bedeutung habe. Wenn nun gut situierte Eltern eifrig auf zusätzliche Bildungsangebote zugreifen, sich damit der Ausbildung ihres Kindes tatsächlich annehmen und in seine Bildung investieren, dann sind solche Anstrengungen eigentlich nichts anderes als eine Reaktion auf die Botschaften der Bildungspolitik.

Wenn somit ausserschulische Erfahrungen einen Grossteil der Variationen in den Schulleistungen der Schülerinnen und Schüler erklären können, dann ist es falsch, zumindest sehr einseitig, ausschliesslich auf die Schule zu setzen, um benachteiligten Kindern und Jugendlichen bessere Leistungen zu ermöglichen. Wird das Hauptaugenmerk vor allem darauf gelegt, die Standards anzuheben, Vergleichstests einzuführen, den Unterricht zu diesem Zweck noch mehr zu individualisieren oder kleinere Klassen einzuführen, dann werden soziale Ungleichheiten eher verstärkt als beseitigt.

Schule kann Gesellschaft nicht kompensieren. Leistungsunterschiede werden vor allem in der Familie generiert. Die systematische Vernachlässigung dieser empirischen Tatsache benachteiligt ökonomisch schwache Haushalte enorm. Was Not tut sind ausserschulische Initiativen für Kinder und Jugendliche aus solchen Familien, um die Anstrengungen der Mittel- und Oberschicht zumindest etwas auszugleichen. Diese Initiativen sollten die gleiche Systematik haben wie die Bildungsstandardreform. Damit ist aber nicht das gemeint, was vor einiger Zeit ein kantonaler Lehrerverband vorgeschlagen hat: eine Verstaatlichung von Nachhilfe. Vielmehr geht es um ein umfassendes Angebot, das ökonomisch benachteiligte Kinder und Jugendliche in ihrer Gesamtentwicklung fördert. Wenige Leuchttürme gibt es bereits, z.B. das Projekt ChagALL des Instituts Unterstrass in Zürich.

Weiterführende Anmerkungen und Literatur

* Ausgehend vom 1. Kindergartenjahr, das als erstes Schuljahr gelten wird.

** Ball, S. (2010). New Class Inequalities in Education: why education policy maybe looking in the wrong place! Education Policy, Civil Society and Social Class. International Journal of Sociology and Social Policy30 (3/4), 155-166.

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