erschienen in: NZZ, 21.09.2026, 27


Prüfungen und Noten gehören zu den mächtigsten und meist überschätzten Instrumenten moderner Gesellschaften. Sie öffnen Türen, schliessen andere und hinterlassen Spuren, auch dann, wenn der Stoff bereits vergessen ist. Schon Kinder lernen: Können allein genügt nicht. Es muss zu einem festgelegten Zeitpunkt und in einer bestimmten Form bewiesen werden. Wer besteht, gilt als geeignet. Wer scheitert, zweifelt nicht selten an sich.

Doch die Begriffe werden oft vermischt. Beurteilung ist der Oberbegriff: Eine Leistung wird eingeschätzt und mit einer Entscheidung verbunden. Die Prüfung ist der Anlass, an dem sie erbracht und beurteilt wird. Eine Note ist weder Prüfung noch Beurteilung, sondern deren stärkste Verdichtung: Sie reduziert ein vielschichtiges Ergebnis auf eine Ziffer oder ein Prädikat.

Im Lauf des Lebens absolvieren wir Hunderte Prüfungen. Wir büffeln, schwitzen, bibbern und werden sortiert. Die Form ändert sich, das Prinzip bleibt: Eine Institution verlangt einen Leistungsnachweis und verbindet damit Folgen.

Das ist nachvollziehbar. Schulen, Hochschulen und Betriebe müssen Leistungen beurteilen und Plätze vergeben. Eine moderne Gesellschaft darf Chancen nicht allein von Herkunft, Beziehungen oder vom persönlichen Eindruck abhängig machen, den ein junger Mensch hinterlässt. Prüfungen versprechen nachvollziehbare Kriterien. Gerade für Kinder aus weniger privilegierten Familien können sie wichtige Eintrittskarten sein.

Die Gefahr der Rangordnung

Auch mein Bildungsweg wäre ohne solche Eintrittskarten kaum denkbar gewesen. Ich war ein Arbeiterkind, mein Vater Bodenleger. Seine herausragende praktische Intelligenz wäre in keinem Schulzeugnis sichtbar geworden. Meine Mutter warnte mich davor, schulischen Erfolg mit menschlicher Überlegenheit zu verwechseln: Nur weil ich in der Schule nicht schlecht sei, müsse ich nicht meinen, etwas Besseres zu sein. Das erinnert daran, wie rasch aus der Beurteilung einer Leistung eine Rangordnung von Menschen wird.

Prüfungen erfassen fast nie das, was sie zu messen vorgeben. In ein Ergebnis fliessen Wissen, Sprachgewandtheit, Vertrautheit mit schulischen Anforderungen sowie der Umgang mit Zeitdruck und Prüfungsangst ein. Zwei Jugendliche können gleich viel verstanden haben und dennoch unterschiedlich abschneiden. Der eine ruft das erwünschte Wissen ab, die andere gerät in eine Blockade. Laut Pisa Studie 2022 haben etwa 40 Prozent der Schulkinder Prüfungsangst. Ihre Noten wirken objektiv, erzählen aber nur einen Teil der Wirklichkeit.

Zudem ist jede Prüfung eine Momentaufnahme. Sie zeigt, was ein Mensch zu einem bestimmten Zeitpunkt unter bestimmten Bedingungen leistet. Das ist nicht nichts, aber weniger, als wir häufig daraus machen. Aus einem Resultat wird eine Diagnose: «begabt» oder «unbegabt», «geeignet» oder «ungeeignet». Solche Zuschreibungen prägen Bildungswege und Selbstbilder.

Noten wirken wie Verstärker. Weil sie komplexe Beurteilungen verdichten, erscheinen sie eindeutiger als sie sind. Wer gute Noten erhält, fühlt sich bestärkt und traut sich anspruchsvolle Wege zu. Wer schlecht abschneidet, verliert oft nicht nur Punkte, sondern auch Neugier, Interesse und Selbstvertrauen. Ein Kind mit mathematischen Fähigkeiten kann nach wiederholten Misserfolgen zur Überzeugung gelangen: «Ich bin ein Versager.» Noten machen Begabungen sichtbar oder verdecken, nähren oder ersticken sie.

Hier zeigt sich die soziale Seite des Prüfens. Begabung gibt es in allen Milieus, erkannt und gefördert wird sie jedoch nicht überall. Gut situierte Elternhäuser kennen die entscheidenden Übergänge. Ihre Kinder haben zu Hause ruhige Arbeitsplätze, erhalten Unterstützung und Ermutigung, oft auch Nachhilfe. Kinder aus wenig privilegierten Familien bringen auch Potenzial mit, doch meist nicht die Formen des Wissens und Auftretens, die Schule besonders gut erkennt und belohnt.

Das spricht nicht für die Abschaffung von Prüfungen, sondern für ihre Weiterentwicklung. Wer ein Prüfungssystem abschafft, beseitigt Ungleichheit nicht, sondern verlagert Entscheidungen auf Vornoten, Empfehlungen oder informelle Einschätzungen. Auch diese können verzerrt sein; ihre Massstäbe bleiben oft unsichtbar. Ein System mit transparenten Kriterien, nachvollziehbaren Verfahren und angemessener Berücksichtigung individueller Voraussetzungen kann daher gerechter sein als Entscheidungen, deren Massstäbe im Verborgenen bleiben.

Das Scheitern rückt ins Zentrum

Problematisch werden Prüfungen, wenn ein einzelnes Resultat den Bildungsweg nahezu unumkehrbar festlegt. Dann wird aus der Momentaufnahme ein Schicksalsurteil. Bildungssysteme kommen zwar nicht ohne Selektion aus. Gute Systeme eröffnen jedoch Umwege, Brückenangebote und zweite Anläufe. Chancengerechtigkeit heisst nicht, dass alle dasselbe Ergebnis erzielen, sondern dass ein früher Misserfolg nicht das ganze Leben vorwegnimmt.

Damit rückt das Scheitern ins Zentrum. Es wird heute gern romantisiert: Niederlagen machen stark, heisst es, jedes Scheitern sei eine Chance. Das ist pädagogischer Kitsch. Nicht jedes Scheitern stärkt. Eine Niederlage kann beschämen, entmutigen und lange nachwirken – besonders wenn sie früh erlebt, als persönliches Defizit gedeutet wird und reale Möglichkeiten versperrt.

Eine misslungene Prüfung kann trotzdem produktiv werden. Sie zwingt zu Fragen, die sich bei Erfolg oft nicht stellen: War mein Ziel richtig? Habe ich falsch gelernt? Brauche ich einen anderen Weg? Entscheidend ist nicht der Misserfolg an sich, sondern, ob daraus eine neue, positive Handlungsfähigkeit entsteht. Eine «Pädagogik des «produktiven Scheiterns» versteht Fehler, Irrtümer und Rückschläge nicht als Endpunkte, sondern als Ausgangspunkte für Weiterentwicklung.

Lehrpersonen spielen dabei eine Schlüsselrolle. Beurteilungen fallen nicht vom Himmel; sie sind Teil einer Beziehung. Eine Lehrerin gestaltet den Prüfungsanlass, bestimmt, was als Leistung gilt, und macht die Kriterien verständlich – oder lässt sie im Dunkeln. Sie kann bloss eine Note zurückgeben oder sie mit einer Rückmeldung verbinden, mit der sich weiterarbeiten lässt. Eine gute Beurteilung benennt nicht nur Defizite, sondern zeigt den nächsten Schritt. Sie ist anspruchsvoll, ohne zu demütigen und klar, ohne einen jungen Menschen auf sein Resultat zu reduzieren.

Auch Eltern prägen die Bedeutung der Noten. Wenn Zuwendung und Stolz von Noten abhängen, reicht der Selektionsdruck bis ins Kinderzimmer. Eltern tun ihren Kindern weder einen Gefallen, indem sie schlechte Noten kleinreden, noch jedes Hindernis beseitigen. Hilfreicher ist eine Haltung, die Anstrengung würdigt, Schwierigkeiten ernst nimmt und Zuversicht vermittelt.

Das gilt ebenso für Vorgesetzte von Lehrlingen. Wer nur beurteilt, erzeugt Anpassung – oder Widerstand. Wer hohe Erwartungen mit präziser und respektvoller Rückmeldung verbindet, fördert Entwicklung: «Das schaffst du. Aber du musst daran arbeiten – und so kommst du weiter.»

Welche Bedeutung hat eine bestandene oder misslungene Prüfung für ein zufriedenes Leben? Eine eher begrenzte. Gute Abschlüsse erweitern berufliche Möglichkeiten. Bestandene Prüfungen können Türen öffnen und Selbstvertrauen schaffen. Aber sie garantieren weder Sinn noch Zugehörigkeit, weder tragfähige Beziehungen noch psychische Gesundheit. Sie sagen wenig darüber aus, was ein Mensch hinter den geöffneten Türen findet – und ob es die richtigen Türen sind.

Meine Position ist die: Ich bin nicht gegen Noten, sondern gegen ihre Überhöhung – und nicht gegen Prüfungen, sondern gegen den Glauben, sie könnten mehr aussagen, als sie tatsächlich erfassen. Wir brauchen Leistungsanforderungen, aber ebenso faire und vielfältige Formen der Beurteilung. Prüfungen bleiben sinnvoll, Noten können gerade an Übergängen verdichtete Informationen liefern. Ihre Aussagekraft muss jedoch durch weitere Beurteilungsformen ergänzt und relativiert werden. Oberstes Ziel sollte sein, aus einer Leistungsbeurteilung kein Identitätsurteil zu machen.

Eine Note kann eine Leistung zusammenfassen. Aber sie darf niemals ein Kind zusammenfassen. Wir sollten Prüfungen weder geringschätzen noch überhöhen, sondern ihnen das Gewicht geben, das sie verdienen: als Urteil über einen begrenzten Moment – nicht über den Wert eines Menschen und schon gar nicht über sein ganzes Leben.