erschienen in: Aargauer Zeitung / Die Nordwestschweiz, 02.02.2026, 2.


Ist die Jugend eine «kranke» Generation? Wer heute jungen Menschen zuhört oder durch soziale Medien scrollt, kann diesen Eindruck gewinnen. Traurig sein bedeutet für viele: Depression. Nervosität vor einer Präsentation gilt als soziale Angst. Seelische Zustände tragen medizinische Namen, TikTok ist voll von persönlichen Leidensgeschichten, mentale Krisen scheinen allgegenwärtig. Dennoch greift die Diagnose einer «kranken» Generation zu kurz. Wahrscheinlicher ist, dass junge Menschen offener über ihre psychische Gesundheit sprechen als jede Generation zuvor.

Noch vor wenigen Jahrzehnten waren psychische Erkrankungen stark tabuisiert. Wer unter Depressionen litt, schwieg – aus Angst, als schwach zu gelten. Heute sind psychische Erkrankungen gesellschaftlich weitgehend akzeptiert. Offenheit fördert Verständnis und ermutigt Betroffene, Hilfe zu suchen. Vorurteile können abgebaut, psychische Leiden ernster genommen werden. Gleichzeitig steigt die Zahl psychischer Diagnosen bei Jugendlichen an. Wie lässt sich dieser scheinbare Widerspruch erklären?

Ein Teil der Antwort liegt in der umfassenderen Diagnostik. Hinzu kommen gesellschaftlicher Stress – auch innerhalb der Elterngeneration – sowie wachsender Leistungsdruck in Schule und Beruf. Solche Belastungen sind real.

Eher zu viel als zu wenig darüber reden

Eine kontroversere Perspektive liefert eine amerikanische Studie. Sie kommt zum Schluss, dass junge Menschen heute eher zu viel als zu wenig über psychische Erkrankungen reden. Ursache sei eine Verschiebung der Bedeutung psychischer Begriffe. Depression, Trauma oder Angststörung sind längst im Alltagswortschatz angekommen. Besonders auf Plattformen wie TikTok werden sie verwendet, um normale, wenn auch belastende Emotionen zu benennen. Die Grenze zwischen alltäglichem Erleben und klinischem Störungsbild verschwimmt – mit Folgen für die Selbstwahrnehmung junger Menschen.

Verstärkt wird dieses Phänomen durch selbsternannte Influencerinnen und Influencer. In sozialen Medien treten sie als Betroffene auf, teilen persönliche Erfahrungen und erreichen damit ein grosses Publikum – meist ohne fachliche Ausbildung. Ihr Beitrag zur Entstigmatisierung psychischer Erkrankungen ist unbestritten. Sie schaffen Sichtbarkeit und vermitteln Jugendlichen das Gefühl, mit ihren Problemen nicht allein zu sein. Doch diese Entwicklung ist ambivalent.

Zum einen wird persönliche Erfahrung mit medizinischer Expertise verwechselt. Komplexe Krankheitsbilder werden vereinfacht, individualisiert oder moralisch aufgeladen. Zum andern erscheinen psychische Erkrankungen weniger als behandelbare Zustände, sondern als stabile Persönlichkeitsmerkmale.

Deshalb lassen sich Jugendliche auch dazu anregen, ihre Identitätsentwicklung durch die Linse einer Diagnose zu betrachten. Die Überidentifikation mit psychischen Labels wird Teil des Selbstbildes: «Das bin ich». Dabei gerät aus dem Blick, dass nicht jeder Schmerz eine Depression und nicht jede Angst eine Angststörung ist – auch wenn beides ernst genommen werden muss. Das Gleichgewicht zwischen Sensibilität und begrifflicher Präzision geht verloren.

Eine strukturelle Lücke wird sichtbar

Die Macht der Sprache ist dabei nicht zu unterschätzen. Wie junge Menschen über psychische Gesundheit sprechen, beeinflusst, wie sie ihr eigenes Erleben deuten. Soziale Medien verstärken diesen Effekt, indem sie bestimmte Deutungsmuster sichtbar machen, normalisieren und emotional aufladen.

Selbsternannte Influencerinnen und Influencer sind weder pauschal zu verteufeln noch unkritisch zu feiern. Sie reagieren auf ein reales Bedürfnis Jugendlicher nach Austausch, Orientierung und Entlastung. Die Influencer- Sprache kann entlastend wirken, aber auch gefährlich vereinfachen. Wenn jedes Gefühl zur Diagnose wird, geht nicht nur sprachliche Präzision verloren, sondern auch der Blick dafür, was menschliches Leiden und was eine behandlungsbedürftige Krankheit ist.

Das Phänomen der psychischen Gesundheit Heranwachsender im Influencer-Zeitalter macht letztlich eine strukturelle Lücke sichtbar: den Mangel an zugänglicher, professioneller Aufklärung und an ausreichender psychischer Gesundheitsversorgung. Notwendig wäre eine klare Trennung zwischen Social Media und dem Anspruch auf medizinische Expertise. Erst auf dieser Grundlage kann die Sprache des Leidens Jugendlicher ihr emanzipatorisches Potenzial entfalten, ohne neue Probleme zu erzeugen.