Von Margrit Stamm auf Freitag, 13. März 2026
Kategorie: Blog

Klug sein reicht nicht. Über die Verwechslung von Intelligenz und Leistung

erschienen in: Aargauer Zeitung /Die Nordwestschweiz, 18.03.2026, 2.

Wir kennen sie: die klugen Kinder, die schnellen Denkerinnen, die Menschen mit «Köpfchen». In der Schule gelten sie als Hoffnungsträger, im Beruf als Talente. Intelligenz verspricht Sicherheit: Wer klug ist, wird erfolgreich. So die verbreitete Annahme.

Doch die Wirklichkeit erzählt eine andere Geschichte. Manche der vermeintlich Klügsten scheitern – selten spektakulär, meist leise. Sie kommen nicht ins Tun, verlieren sich im Perfektionismus oder brechen ab, sobald etwas nicht mehr mühelos gelingt. Gleichzeitig entwickeln Menschen, die nie als besonders intelligent galten, über Jahre hinweg Könnerschaft: im Handwerk, in der Pflege, im Unterricht oder in der Betreuung.

Hohe Intelligenz kann auch hinderlich sein

Unsere Gesellschaft liebt Abkürzungen – und Intelligenz scheint eine zu sein. Wer schnell versteht, dem traut man auch schnelles Können zu. Doch genau hier liegt ein Denkfehler. Intelligenz und Können sind nicht dasselbe.

Intelligenz beschreibt eine Fähigkeit: Zusammenhänge erkennen, Probleme analysieren, schnell verstehen. Könnerschaft entsteht anders – durch Erfahrung, Übung und Handlungssicherheit. Der Psychologe Anders Ericsson spricht von «deliberate practice»: anspruchsvollem, reflektiertem Üben. Eine Schülerin kann den Dreisatz dutzendfach nach Schema rechnen. Doch erst wenn sie jeden Schritt erklären, Fehler erkennen und das Verfahren auf neue Aufgaben übertragen kann, entsteht Verständnis. Dieser Weg braucht Zeit, Disziplin und Frustrationstoleranz.

Gerade intelligenten Kindern gelingt vieles lange ohne grosse Anstrengung – bis die Anforderungen steigen. Dann wird Übung wichtiger als Begabung. Wer nie gelernt hat, hartnäckig dranzubleiben, erlebt hier oft das erste Scheitern. Hohe Intelligenz kann dann sogar zum Hindernis werden: Sie begünstigt Ausweichstrategien, nährt Perfektionismus oder führt zur Vermeidung anspruchsvoller Situationen. In der Forschung spricht man von «Minderleistenden» – jungen Menschen, deren Leistungen hinter ihren Möglichkeiten zurückbleiben.

Belohnt werden jene, die dranbleiben

Auch die Logik unseres Bildungssystems spiegelt die gesellschaftliche Überhöhung der Intelligenz. Sie wird mit Noten gleichgesetzt und früh zur Sortierkategorie. Klug zu sein gilt nicht nur als Vorteil, sondern als Verdienst. Doch eine Bildungskultur, die Intelligenz überbetont, unterschätzt Lernprozesse – und verengt Entwicklungsräume.

Die grossen Herausforderungen unserer Zeit lassen sich nicht allein durch Analyse lösen. Sie verlangen praktisches Können, Kooperation und Beharrlichkeit. Klug sein reicht deshalb nicht. Können entsteht dort, wo Verstehen auf Übung trifft, Begabung auf Arbeit und Denken auf Tun. Könnerschaft ist kein Geschenk, sondern ein Prozess. Intelligenz mag beeindrucken – aber Können entscheidet. 

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