Wozu noch Schule? Warum Absentismus mehr ist als ein psychisches Problem
erschienen in Aargauer Zeitung /Die Nordwestschweiz, 08.06.2026, 2.
Absentismus – oft auch "Schulschwänzen" genannt – wird mit Sorge diskutiert. Schulen berichten von steigenden Fehlzeiten, Jugendpsychiatrien von mehr Angststörungen und Erschöpfung. Obwohl repräsentative Studien fehlen, scheint ein Konsens entstanden zu sein: Schulabsentismus nimmt wegen des sinkenden psychischen Wohlbefindens junger Menschen zu. Diese Erklärung ist nicht falsch. Aber sie ist unvollständig. Sie lenkt den Blick ausschliesslich auf die Probleme junger Menschen.
Doch was, wenn manche von ihnen nicht nur wegen psychischen Belastungen der Schule fernbleiben, sondern weil sie ihren Sinn nicht mehr erkennen?
Vom psychischen Problem zur Sinnfrage
Bislang beruhte Schule auf drei Voraussetzungen: Wissen war knapp. Lehrpersonen verfügten über einen Wissensvorsprung gegenüber den Heranwachsenden. Und Lernen brauchte institutionelle Präsenz. Heute geraten diese Voraussetzungen ins Wanken. Junge Menschen wachsen in einer Welt auf, in der Wissen jederzeit verfügbar ist und künstliche Intelligenz viele klassische Formen der Wissensvermittlung infrage stellt. Erklärungen, Problemlösungen und Lernhilfen sind online oft schneller und anschaulicher verfügbar als im Unterricht.
Damit verliert Schule zwar nicht ihre Bedeutung, wohl aber das Monopol als zentraler Ort des Wissenszugangs. Die Bildungspolitik beschäftigt sich zögerlich damit. Und in Schulen dominiert häufig der psychologische Deutungsrahmen. Schulschwänzen wird mit Vermeidungsverhalten, mangelnder Elternkontrolle, Angst, Depression oder Überforderung erklärt. Zweifellos trifft das teilweise zu. Doch dieser Blick verdeckt eine besorgniserregende Entwicklung: die schleichende Entfremdung mancher Jugendlicher von der Schule.
Die schleichende Legitimationskrise der Schule
Nicht wenige Heranwachsende erleben eine Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Schule spricht von Kreativität, arbeitet aber oft mit standardisierten Bewertungen. Sie propagiert Individualisierung, organisiert Lernen jedoch meist synchron. Sie will Zukunftskompetenzen fördern, bleibt aber häufig in ritualisierten Formen der Stoffvermittlung gefangen. Gleichzeitig erleben bereits Kinder, dass KI-Systeme schulische Aufgaben in Sekunden lösen und teilweise Anforderungen bewältigen können, die noch vor kurzem als Ausdruck individueller Leistung galten.
Dadurch verändert sich die Legitimation der Schule. Wo Heranwachsende Sinn erleben, entsteht Motivation. Wenn jedoch Wissen überall verfügbar ist, Anwesenheit wichtiger erscheint als Erkenntnis und sich schulische Anforderungen teilweise technisch reproduzieren lassen, wird es schwieriger, die Notwendigkeit schulischer Präsenz überzeugend zu vermitteln. Die Folgen zeigen sich nicht nur in Demotivation, sondern oft auch in Rückzug und Gleichgültigkeit. Solche Symptome erscheinen als individuelle Probleme. Sie können aber zugleich Ausdruck einer tieferliegenden institutionellen Sinnkrise sein.
Psychologische Erklärungen wirken entlastend. Wenn Absentismus als individuelles Fehlverhalten gilt, entstehen klare Zuständigkeiten: Sanktionen durch die Schule, Diagnostik, Beratung und Therapie durch Fachleute. Verständlicherweise ist das der einfachere Weg. Schwieriger ist es, die Schule selbst zum Gegenstand der Debatte zu machen. Dann müsste man fragen: Was kann Schule heute noch leisten, was KI und Lern-Apps nicht ersetzen können? Warum braucht Lernen Präsenz? Welche Rolle sollen Lehrpersonen künftig übernehmen?
Falsch wäre es, Schulabsentismus pauschal als Systemkritik umzudeuten. Viele betroffene Jugendliche leiden tatsächlich unter psychischen Problemen. Doch solche Symptome entstehen nie losgelöst von gesellschaftlichen Bedingungen. Sinnverlust und psychische Erschöpfung hängen meist zusammen. Hier liegt vermutlich ein blinder Fleck der aktuellen Debatte: Wir individualisieren die Symptome einer Generation, statt zugleich die Legitimationskrise der Schule mitzudenken.
Schule muss leisten, was KI nicht kann
KI kann zwar Antworten liefern, aber sie macht Heranwachsende möglicherweise emotional abhängig. Schule muss deshalb das stärken, was die KI nicht kann. Zum Beispiel verbindliche Beziehungen schaffen, Verantwortung einfordern und Gemeinschaft erfahren.
Die Zukunft entscheidet sich nicht nur daran, ob Schule technologisch mithält, sondern vor allem daran, ob sie erfahrbar macht, warum gemeinsame Bildung und Emotionen für eine demokratische Gesellschaft unverzichtbar bleiben.
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