Über die Ökonomisierung der Kindheit
erschienen in: Aargauer Zeitung /Die Nordwestschweiz, 22.12.2025, 2.
Eine grosse pädagogische Errungenschaft der Moderne ist die Kindzentrierung. Auf paradoxe Weise wird sie von unserer kommerzialisierten Kultur erfüllt. Schon kleine Kinder nehmen längst nicht mehr nur die Rolle als passive Familienmitglieder ein. Sie gelten als Konsumenten mit enormer Kaufkraft, gerade in der Weihnachtszeit. Diese Entwicklung wird als Ökonomisierung der Kindheit bezeichnet. Sie ist Ausdruck einer gesellschaftlichen Rationalität: der Verwandlung vieler Lebensbereiche in wirtschaftliche Kategorien. In dieser Logik wird die Kindheit zum Projekt, zur Investition, zur Zielgruppe. Auch Schule und Elternhäuser sind Teil dieser Dynamik.
Ökonomische Interessen und kindliche Bedürfnisse
Die Werbeindustrie ist schlau. Sie investiert gezielt in Strategien, die auf kindliche Emotionen abgestimmt sind. Früh lernen Kinder, sich über Spielzeug, Produkte und Statussymbole zu definieren. Influencer-Marketing und algorithmische Plattformen wie YouTube Kids, Serien und Apps sind Teil eines Systems, das geschickt ökonomische Interessen mit der Wahrnehmung kindlicher Bedürfnisse verknüpft.
Später besetzt der Kommerz in einer Überdosis die Erfahrungsräume der Heranwachsenden. TikTok, Snapchat, Instagram etc. bestimmen nicht nur ihr Konsumverhalten, sondern ebenso das Streben nach sozialer Anerkennung. Plötzlich braucht die Tochter das eine Smartphone, der Sohn jene Sneakers oder eine bestimmte Playstation. Manchmal scheint gar ihr Lebensglück davon abzuhängen. Als Eltern einen Riegel zu schieben, fällt schwer, sogar dann, wenn die Wünsche der Kids für sie nicht vertretbar sind. Weil heute der Modus der Verhandlung die Erziehungskultur bestimmt, bleibt der Nachwuchs meist mit dem Argument Sieger «Alle anderen haben das, und die sind mega geil».
Kinder als Humankapital
Auch im Bildungsbereich hat die ökonomisierte Kindheit Konjunktur. Bildung gilt als Investition, die sich später auszahlen muss. Die OECD bezeichnet Kinder sogar als «Humankapital». Sie gelten primär als Ressource, die einen wirtschaftlichen Nutzen nach sich ziehen soll. Return on Investment heisst das.
Dieser Trend erzeugt Druck auf Eltern. In einer Leistungsgesellschaft, die Optimierung als moralische Pflicht versteht, wird Bildung zu einer besonders herausfordernden Aufgabe. Väter und Mütter sehen sich gezwungen, die Zukunft ihrer Kinder zu planen, um deren «Wettbewerbsfähigkeit» zu sichern. Deshalb werden Nachhilfe, Lernstudio und Sprachkurse zu strategischen Investitionen. Und wenns dann doch nicht richtig klappt, stehen Consulting-Firmen zur Verfügung, welche die Karriereplanung des Nachwuchses übernehmen.
Doch manche Eltern wollen solche ökonomisierten Kindheiten nicht. In der Mercator-Studie von 2023 wurden Väter und Mütter zu den wichtigsten Werten und Zielen in der Erziehung ihrer Kinder befragt. 80 Prozent sagten, es seien Toleranz und Respekt. Sie waren ihnen sogar wichtiger als Noten oder Lesen, Mathematik und Schreiben.
Eine entökonomisierte Zukunft für die Kinder
Braucht es somit eine Rückkehr zur guten alte Zeit? Nein, auch wenn Kommerz als Gegenstück einer glücklichen Kindheit bezeichnet wird. Der Nachwuchs lässt sich kaum in Quarantäne setzen und gänzlich von der Warenwelt isolieren. Wichtiger ist die Grundfrage: Wie können Heranwachsende aufgeklärt und dafür sensibilisiert werden, wie die Welt des Kommerzes funktioniert und wie sie selbst damit umgehen. Das erfordert auch seitens der Erwachsenen einen selbstkritischen Blick in den Spiegel. Kinder übernehmen häufig die Verhaltensmuster, die sie in der Familie erleben. Konsumorientierte Eltern haben mit hoher Wahrscheinlichkeit konsumorientierte Kinder.
Man kann das Glas als halb leer oder als halb voll bezeichnen. Ich betrachte es als halbvoll. Immer mehr öffentliche und private Bildungsinstitutionen setzen auf eine Entökonomisierung der Kindheit. Sie betonen das fähigkeitsorientierte und auf dem eigenen Tempo aufbauende Lernen. Sie gewichten Beziehungsarbeit hoch und vertrauen darauf, dass Kinder grundsätzlich intrinsisch motiviert lernen möchten.
Mein Credo für die Zukunft: Kinder sollen nicht als Humankapital optimiert, sondern mit Blick auf ihr Potenzial gefördert, nicht verwertet, sondern verstanden werden. Wenn wir uns als humanistische Gesellschaft verstehen wollen, müssen wir Kindern ermöglichen, im Hier und Jetzt leben zu dürfen und sie nicht daran messen, ob sie zukünftig ökonomisch nützlich werden.
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