Warum das Bildungssystem eine Pädagogik des Scheiterns braucht


Zusammenfassung meines Gastbeitrags in der NZZ vom  24.01.2026 


Unser Bildungssystem ist auf Erfolg fixiert und verdrängt das Scheitern. Niederlagen gelten als individuelles Versagen und werden möglichst schnell aus dem pädagogischen Diskurs entfernt. Diese Haltung ist jedoch nicht nur realitätsfremd, sondern pädagogisch problematisch: Sie verhindert Lernen, Entwicklung und eine ehrliche Auseinandersetzung mit den Bedingungen von Bildung.

Dabei ist Scheitern im schulischen Alltag allgegenwärtig. Kinder verfehlen Lernziele, Jugendliche scheitern an Übergängen, Lehrpersonen an strukturellen Überforderungen und bildungspolitische Reformen an ihren eigenen Ansprüchen. Anstatt diese Erfahrungen systematisch zu reflektieren, werden sie individualisiert, beschönigt oder tabuisiert. So entsteht ein Tunnelblick auf Gelingen, der die produktive Kraft von Fehlern negiert.

Besonders für Kinder und Jugendliche hat diese Haltung gravierende Folgen. Schulisches Scheitern ist häufig mit Scham verbunden und wird als Enttäuschung für Eltern und Lehrkräfte erlebt. Der Vergleich mit inszenierten Erfolgen in sozialen Medien verstärkt das Gefühl des Nicht-Dazugehörens. Entscheidend ist dabei das Selbstbild: Ein statisches Verständnis von Begabung führt dazu, Herausforderungen zu vermeiden, während ein dynamisches Selbstbild Scheitern als notwendigen Bestandteil von Lernprozessen begreift. Ohne eine pädagogische Kultur, die dieses dynamische Denken fördert, bleibt Bildung oberflächlich und selektiv.

Auch Lehrpersonen sind von einer fehlenden Fehlerkultur betroffen. Die strukturelle Überforderung durch heterogene Klassen, steigende Erwartungen und unzureichende Unterstützung wird oft personalisiert. Scheitern erscheint dann als individuelles Unvermögen statt als systemisches Problem. Die Folge sind Resignation, innere Kündigung und Burnout. Eine Pädagogik des Scheiterns müsste Lehrpersonen entlasten, indem sie strukturelle Grenzen anerkennt und professionelles Lernen ermöglicht.

Am deutlichsten zeigt sich die Verdrängung des Scheiterns auf bildungspolitischer Ebene. In der sogenannten Concorde-Falle halten Entscheidungsträger an Reformen fest, obwohl deren Wirkung begrenzt oder negativ ist. Das Beispiel des Frühfranzösisch verdeutlicht, wie politische Passivität und mangelnde Selbstkritik notwendige Korrekturen verhindern. Scheitern wird hier als Gesichtsverlust verstanden, nicht als Anlass für evidenzbasiertes Lernen.

Eine zukunftsfähige Bildung braucht deshalb eine Pädagogik des Scheiterns. Diese begreift Fehler nicht als Störung, sondern als Erkenntnisquelle. Sie fordert, Scheitern offen zu benennen, systematisch zu analysieren und Konsequenzen daraus zu ziehen – auf individueller, institutioneller und politischer Ebene. Nicht der makellose Erfolg, sondern die Fähigkeit zur selbstkritischen Korrektur ist das eigentliche Qualitätsmerkmal von Bildung. 

Eine Pädagogik des Scheitern - Warum unser Bildung...
Über die Ökonomisierung der Kindheit
 

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